Menschengerechte Gestaltung der Digitalisierung

Im Interview mit Dr. Britta Hofmann, Abteilungsleiterin Usability und User Experience Design am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

Das Fraunhofer FIT besitzt über 35 Jahre Erfahrung in der menschengerechten Gestaltung von intelligenten Systemlösungen, die sich nahtlos in Unternehmensprozesse integrieren. Fraunhofer FIT ist zudem Partner bei der Digitalisierung, Ansprechpartner für Industrie 4.0 Projekte und bringt das Internet der Dinge in die industrielle Anwendung. Auch bei den Themen Blockchain und Energieeffizienz spielt das Institut vorne mit. Nachdem nun das Unternehmen auch auf dem Digital FUTUREcongress am 5. November in der Messe Essen mit dabei ist, war uns ein Interview mit Frau Dr. Britta Hofmann wichtig.

Entscheider kompakt: Wenn man sich die neuen Themen wie Industrie 4.0, Internet der Dinge oder auch die Blockchain anschaut und sich klarmacht, dass die Transformation in vollem Gange ist, könnte man direkt von einer neuen Ära der Technikverliebtheit sprechen. Was sind Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren die “Game-Changer”, die auf den deutschen Mittelstand aber auch uns User zukommen?

Dr. Britta Hofmann: Sie benennen bereits die richtigen „Player“ im digitalen Wandel. Wir als Fraunhofer Digitalisierungsinstitut beschäftigen uns mit vernetzten, intelligenten Maschinen, Deep Learning, Machine Learning, Automatisierung, Sensorik, Datentransparenz und Blockchain – die als entscheidende technische Digitalisierungstrends genannt werden können. Wir könnten mit diesen Technologien nachhaltiger produzieren und Arbeit menschengerechter gestalten. Könnten wir, wenn wir bei der Einführung von IT nicht aus Technikverliebtheit handeln, sondern menschliche und arbeitskontext-spezifische Erfordernisse in den Vordergrund stellen. Ansonsten fürchte ich, dass die Industrie 4.0 bald unter dem altbekannten Produktivitätsparadoxon der IT leiden wird. Dieses besagt, dass Produktivität und Arbeitsbedingungen nach Einführung von IT schlechter sind, als zuvor. Dementsprechend müsste der ultimative „Game-Changer“ die Einführung menschzentrierter Vorgehensweisen bei der Identifikation passender Digitalisierungsstrategien sein. Erst das Problem und die Business-Vision verstehen, dann kommt die passende digitale Lösungsidee von selbst.

Entscheider kompakt: Können Sie die einzelnen genannten Elemente zeitlich einsortieren? Welche Technologien kommen zuerst und auf welche müssen wir in der täglichen Praxis noch ein wenig warten?

Dr. Britta Hofmann: Im Prinzip werden alle Technologien relativ gleichzeitig real, nur die Reihenfolge wird aber bei jedem Unternehmen unterschiedlich sein. Abhängig vom Stand der Digitalisierung in einer Firma erfolgt je nachdem zunächst die Vernetzung. Es müssen Prozesse mit ihren Daten zusammengeführt werden. Es geht dabei nicht um die reine Datensammlung. Auch hier muss ein Mensch- bzw. Business-zentrierter Blick erfolgen: Warum erhebe ich bestimmte Daten? Wo macht Automatisierung Sinn? Später kann ich dann beispielsweise bestimmte Prozesse etwa über Blockchain ganz ersetzen oder neue Geschäftsmodelle etablieren. Ein wichtiges Thema, das uns in Zukunft sicherlich mehr und mehr beschäftigen wird, ist dabei die Usability und Cyber Security. Mit gesteigerter Vernetzung und Datenaustausch, etwa Daten in der Cloud, werden Unternehmen, sogar ganze Länder, verwundbarer. Man denke nur an Digitale Energie oder Versorgungslieferketten: Die Sicherstellung der Resilienz gegen Attacken muss ganz stark im Vordergrund stehen.

Entscheider kompakt: Für das Fraunhofer FIT steht die menschzentrierte Entwicklung innovativer Digitalisierungsstrategien immer an oberster Stelle. Wie stellen Sie sicher, dass der Mensch bei all diesen neuen Technologien nicht in den Hintergrund gerät und schließlich die Maschinen “das Kommando” übernehmen? Ist das überhaupt gewünscht?

Dr. Britta Hofmann: Natürlich dürfen Maschinen nicht das Kommando übernehmen. Maschinen sollen unsere Bediensteten bleiben, am besten als intelligente Werkzeuge. Wichtig bei Automatisierung und Artificial Intelligence (AI) ist eine vernünftige Mensch-Maschine-Interaktionsteilung, die wiederum über menschzentrierte Entwicklungsansätze erreichbar ist. Eine Maschine soll Dinge tun, die lästig sind, die mich beanspruchen, in Gefahr bringen, die ich gerne abgebe. Maschinen sollen des Weiteren Daten sammeln oder auswerten, die ein menschliches Gehirn nicht verarbeiten kann und entsprechend Entscheidungen vorbereiten – im Sinne einer Intelligence Augmentation (IA). Das letzte Wort sollte und muss immer der Mensch haben.

Entscheider kompakt: Die „Nutzerfreundlichkeit“ ist gesetzlich im Arbeitsschutz integriert. Können Sie uns dazu die wichtigsten Elemente nennen?

Dr. Britta Hofmann: Der Arbeitgeber ist durch die Arbeitsstättenverordnung zur Usability der digitalen Arbeitswerkzeuge verpflichtet. Er muss dafür sorgen, dass die Interaktion mit der IT beispielsweise aufgabenangemessen, selbstbeschreibungsfähig und entsprechend der Kenntnisse und Erfahrungen der Beschäftigten gestaltet ist. Das Fraunhofer FIT erstellt hierzu Gutachten und optimiert digitale Werkzeuge im Sinne des Arbeitsschutzes.

Entscheider kompakt: Können Sie uns etwas zu ihrer täglichen Arbeitsweise verraten? Gibt es hier methodische Ansätze um Technologie zu entwickeln?

Dr. Britta Hofmann: Wenn wir einen Auftrag zur Digitalisierung haben, analysieren wir zunächst die Erfordernisse und Business-Ziele unserer Kunden und Nutzergruppen. Hierzu verfügen wir über ein weitreichendes Methoden-Set – von Tiefeninterviews bis hin zu Arbeitsplatzstudien. Usability-Methoden kommen ebenso zum Einsatz wie Design Thinking Ansätze, wenn es darum geht, Requirements zu definieren, Konzepte oder Prototypen zu entwickeln oder zu evaluieren. Darüber hinaus zeichnen wir uns durch ein sehr breites Programmiersprachen-Spektrum aus, so dass wir auch integrativ in fast jeder technischen Umgebung agieren können.

Entscheider kompakt: Das Fraunhofer FIT beschäftigt sich unter anderem mit digitaler Vernetzung. Warum ist dieses Thema so besonders wichtig?

Dr. Britta Hofmann: Vernetzung ist für die Digitalisierung von Arbeit zentral, weil Produktionsprozesse oder auch Zuliefererketten durch Vernetzung im Gesamtzusammenhang analysiert und optimiert werden können. Einzelergebnisse würden zu kurz greifen. Das Fraunhofer FIT betreibt mit LinkSmart eine eigene IoT-Plattform zur Vernetzung. Sie ermöglicht durch Datentransparenz beispielsweise die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Produktionsprozessen, so dass deren Effektivität und Effizienz gesteigert werden kann. Zum Beispiel wird der FIAT Panda in Italien und Brasilien gebaut – mit identischen Prozessschritten. Betrachtet man einen Prozessschritt, etwa den Einbau einer Tür, kann man die Kosten zwischen den Ländern vergleichen, herausfinden, welche Parameter den Unterschied ausmachen und die Produktionsprozesse entsprechend optimieren.

Entscheider kompakt: Ganz herzlichen Dank für dieses spannende Interview.


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